Alice in einem fremden Land

So ein dumpfer, leerer und trüber Morgen. Durch das geschlossene, schmutzige Fenster ist der Wald im Nebel kaum zu erkennen, das flackernde Licht der Lampe erlischt, die kleinen faulen Teilchen von etwas Unbestimmterem auf Ihrer Reise durch die Luft fallen langsam auf den Boden. Die Luft ist schwer und kaum zu atmen. Was für eine Missstimmung! Stille und Langeweile, leerer Magen und Kopfschmerzen, Gedanken über die Zukunft gehen in meinem Kopf um. Was werden und was nicht werden wird? Was passieren könnte und was nicht passieren soll. Gedanken über meine Ängste. Gedanken über Nutzlosigkeit des Alltags. Ein atemberaubender Blick in den Spiegel –  zerzauste Haare. Ich sollte sie wahrscheinlich wieder schneiden lassen…

Das Datum im Kalender grinst mich hämisch an. Ein unangenehmes Ereignis, ein Besuch, eine Aufgabe, eine Notwendigkeit, was auch immer geopfert werden kann, aber um Gottes Willen nicht heute. Der Hund schaut mich traurig an und bettelt um einen Spaziergang. Der Körper will nicht gehorchen und kann sich nicht erholen. Der lange Moment des Nichts, der Traurigkeit. Der Spleen hält mich fest in seinen Klauen und saugt die letzte Prise der Hoffnung aus. Mein innerer Widerwille wird stärker. Warum ist es jeden Morgen, Tag und Woche immer gleich? Warum kann ich mich nicht mehr freuen? Und wieso ist die Angst so stark und dünn wie ein Faden die Kraft, die Menschen wie mich schwach macht und sie ins Land bringt, wo man sich so unnütz und einsam fühlt und wo keinem erlaubt ist, sich in irgendetwas Besseres zu verwandeln? Die Morgenshow springt zu einer Nachmittagssendung und meine Gefühle bleiben bis Abend unverändert. Ich habe genug. Jetzt kommt endlich die Nacht, um diese Misere zu beenden. Mit Misstrauen wird der nächste Tag erwartet. Eine weitere Perle in grauer Halskette …

Blick hinter den Spiegel

Die weit geöffneten Augen registrieren das Tageslicht und der Körper braucht ein richtiges Training. Das Fenster zeigt an, was zu tun ist. Ich streichle kurz seine Zarge und verspreche ihm baldige Reinigung. Es regnet draußen, kleine Schneeflocken oder Tröpfchen sinken zur Erde, aber leider lösen sie sich auf dem Boden auf. Es macht mir nichts aus, ich stelle mir vor, der lachende Schneemann winkt mir ins Fenster. Ein tiefer Atemzug – es ist Morgen, ich lächle mich im Spiegel an: Bin ich schön? Sicherlich! Meine zerzausten Haare tanzen um meinen Kopf und sagen: Spiel mit uns! Ich will aber hübsch sein – die Arbeit dauert einen Augenblick und der nächste Blick in den Spiegel ist viel befriedigender. Der Kaffee riecht verlockend aus der Tasse. Ein toller Start in den neuen Tag!

Ich habe so viel zu tun, doch das macht nichts – ich spüre den immensen Zustrom von Energie, die ich während des Schlafs geschöpft habe. Die Bewegung strengt die erholten Muskeln an, wobei sich der Geist entspannt. Ich bin glücklich und singe eine notorische Melodie mit dem Radio. Es ist toll, an einem so schönen Tag aufzuwachen und ihn zu leben. Was Schönes mache ich heute noch? Wem werde ich den Tag auch schöner machen und wie belohne ich mich dafür? Keine Einsamkeit, keine Langeweile, geschweige Laxheit oder Faulheit. Adrenalin, Überraschung, Freude an der geleisteten Arbeit, Belohnung im Laden, den ich liebe, Nachmittagsplauderei mit Freunden im Café und das befreiende Lachen: das erwartet mich heute!

Die Freude dauert bis zum Abend. Ein leichtes schmeckendes Essen, gute Musik und ein Buch, die mich entspannen. Duftendes Bad mit einer Kerze und einem Glas Wein.. Vielleicht werde ich heute wieder davon träumen, was ich mir wünsche und was ich tun soll. Der Tag gibt mir einen Kuss auf die Stirn und legt mich in die Arme der ruhigen Nacht…

Gleiches Datum, ein anderer Tag. Gleiches Ich. Findest Du fünf Unterschiede?

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